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Messerschmitt Bf 110 G-4 / R6: Flugzeug als neugeschaffene Gattung des Zerstörers - hier als Nachtjäger

Messerschmitt Bf 110 G-4: neugeschaffene Gattung des Zerstörers - später Nachtjäger

1936 forderte das Reichsluftfahrtministerium in einer Ausschreibung den Bau eines schweren Jagdflugzeugs. Es sollte Kampfflugzeuge bis weit ins feindliche Hinterland begleiten und gleichzeitig die Wendigkeit einer 1-motorigen Maschine besitzen. Die Messerschmitt AG entwickelte einen 2-motorigen Tiefdecker in Schalenbauweise und gewann mit diesem Flugzeug die Ausschreibung.

Die Messerschmitt Bf 110 war ein 2-sitziges Militärflugzeug mit großer Reichweite in Tiefdeckerauslegung und Ganzmetallbauweise der 1934 neugeschaffenen Gattung des Zerstörers, das im Auftrag der deutschen Luftwaffe unter Leitung von Willy Messerschmitt konstruiert und von der Firma Bayerische Flugzeugwerke AG produziert wurde. Bei diesem Vorhaben wurde er tatkräftig von Göring unterstützt.

Die vom Reichsluftfahrtministerium für den neuen Zerstörer vergebene Typnummer lautete 110. Das für die Flugzeugbeschaffung zuständige Technische Amt des RLM kombinierte die Typnummer entsprechend seines offiziellen Bezeichnungssystems mit dem Kürzel des Herstellers Bayerische Flugzeugwerke AG zu Bf 110. Der Erstflug des Typs erfolgte am 12. Mai 1936 mit der Bf 110 V1.

Ein “Zerstörer” ist ein Mehrzweckkampfflugzeug, das primär als schweres Jagdflugzeug für die Zerstörung anderer Flugzeuge eingesetzt wird, aber auch andere Aufgaben, wie zum Beispiel Luftaufklärung oder Tiefangriffe, ausführen kann.

Im Kriegseinsatz stellte sich bald heraus, dass die verschiedenen Anforderungen des Reichsluftfahrtministeriums schwer miteinander vereinbar waren. Da die Maschine weniger wendig als 1-motorige Jäger war, konnte sie den vorgesehenen Verwendungszweck nicht voll erfüllen. Durch ihre Geräumigkeit und die Zwei-Mann-Besatzung war sie aber für den Einbau zusätzlicher Ausrüstung wie Navigationsinstrumente und Radar geeignet. So bewährte sich die Bf 110 als Fernaufklärer, Jagdbomber und Geleitzugbegleiter über See.

In der Nachtjagdversion spielte sie vor allem in der Luftverteidigung eine bedeutende Rolle. Bis zum Ende des Krieges wurden fünf Baureihen in verschiedenen Versionen gefertigt.

Als die Produktion in den ersten Wochen des Jahres 1945 wegen Materialmangel auslief, waren von der Bf 110 nahezu 5.800 Stück gebaut worden, davon 3.028 Tagjäger, 2.240 Nachtjäger und 492 Aufklärer.

Messerschmitt Bf 110: neugeschaffene Gattung des Zerstörers - später Nachtjäger

Technische Daten:

Einsatzzweck

Nachtjäger

Besatzung

2 Mann, zeitweise 3

Spannweite

16,29 m

Länge

12,68 m

Höhe

3,98 m

Tragfläche

38,36 m²

Flächenbelastung

244 kg/m²

Triebwerk

2 x Daimler-Benz DB 605

Startleistung

je 1.475 Ps

Flugmasse

9.800 kg

Geschwindigk.

585 km/h max.

.

mit Radar ca. 550 km/h

Gipfelhöhe

8.000 m

Steigfähigkeit

ca. 11 m/s

Reichweite

850 km (ohne Zusatztanks)

Typische Bewaffnung

zwei MK 108 und zwei MG 151/20

(1944)

in der Nase, zwei MG FF/M

.

und das MG 81 Z

Radar (Aktiv):      --

Frühe Versionen ohne Radar oder

.

mit Infrarotsichtgerät "Spanner"

.                --

FuG 202 Lichtenstein B/C (1942)

.                --

FuG 220 Lichtenstein SN-2 mit

.

FuG 202 für den Nahbereich

.

(ab Ende 1943)

.                --

FuG 220 alleine ab ca. Mitte 1944

.

.

Technische Kurzbeschreibung: (alle Angaben zur Bf 110 C)

Rumpf: Ganzmetallbauweise mit Glattblechbeplankung - Waffen im Rumpf - langgestreckte Kabine aufgesetzt.

Tragwerk: Tiefdecker - einholmig - Ganzmetallbauweise.

Leitwerk: Höhenleitwerk auf dem Rumpf - doppeltes Seitenleitwerk - unten breite und oben abgerundete Endscheiben.

Fahrwerk: steuerbares Heckrad - Heckrad nicht einfahrbar - einfach bereift.

Messerschmitt Bf 110 G-4: Nachtjäger

Einsätze und Aufgaben:

Aufgrund ihrer überlegenen Flugleistungen konnte sich die Bf 110 im Luftkrieg über Polen, Norwegen und Frankreich erfolgreich gegen die wendigeren 1-motorigen Jäger der gegnerischen Luftwaffen behaupten. Auch im Vergleich zur Bf 109 der Luftwaffe war die Bf 110 zu Kriegsbeginn ein leistungsstarkes Muster, denn die eingesetzte Bf 110 C wurde bereits von den modernen DB 601-Motoren angetrieben, während die Bf 109 teils noch den schwächeren Junkers Jumo 210-Motor nutzten.

Als Begleitjäger in der “Luftschlacht um England” (1940 bis 1941) bewährte sich die Bf 110 jedoch nicht. Obwohl ihre Reichweite für ihren geplanten Hauptzweck ausreichend war, waren ihre Flugleistungen inzwischen hinter denen der 1-motorigen Feindjäger zurückgeblieben. Besonders im Vergleich zur schnellen Spitfire waren die Flugleistungen der Bf 110 nicht ausreichend, abhängig von der Flughöhe war aber selbst die etwas langsamere Hurricane überlegen. Da sie als 2-motoriger schwerer Langstreckenjäger ausgelegt war, war die Wendigkeit der 110 zwangsläufig schlechter als die von 1-motorigen Flugzeugen, so dass sie aus der defensiven Position nicht erfolgreich kämpfen konnte.

1941 wurde das Muster in großer Zahl im Mittelmeerraum und in Russland vor allem als Jagdbomber und Erdkampfflugzeug eingesetzt

Die Nachtjägerversionen unterschieden sich vor allem durch den Einbau diverser Radaranlagen, die wiederum ein drittes Besatzungsmitglied, den Radarbeobachter, erforderlich machten. Die wichtigste Nachtjägervariante, die Bf 110 G-4, wurde mit dem stärkeren DB 605 B [4] ausgerüstet. Bei dieser Nutzung war die Bf 110 am erfolgreichsten.

Im Dreiergespann diente die Bf 110 auch als Schleppflugzeug für den Lastensegler Me 321 Gigant. Dieses Troika-Verfahren barg jedoch erhebliche Gefahren in der Startphase. Zum Beispiel konnte ein Triebwerksausfall bei einem der Schleppflugzeuge in der Startphase zum Absturz des Gespanns führen.

Messerschmitt Bf 110 G-4

Entstehungsgeschichte des Zerstörers:

Der Ursprung der Entwicklung von Zerstörern liegt in den taktischen Forderungen der Reichswehr, die als „Rüstungsflugzeug II“ zunächst einen 1-motorigen, 2-sitzigen Jäger, Aufklärer und leichten Bomber forderten. 1934 wurde das Konzept des „Rüstungsflugzeugs III“ entwickelt. Die zugehörige Studie des Führungsstabes der Luftwaffe führte den Begriff des “Zerstörer” für einen 2-motorigen Begleitjäger ein, mit beweglich eingebauter Kanonenbewaffnung, die ein nach vorne und aufwärts ausgerichtetes Schussfeld haben sollte. Aufgabe des Zerstörers war der Begleitschutz für Bomber durch die Bekämpfung feindlicher Abfangjäger. Da bei damaligem Stand der Technik ein schwerer Jäger großer Reichweite leistungsmäßig nicht mit einem leichten Abfangjäger konkurrieren konnte, war die Wahl einer beweglichen Bewaffnung eine Möglichkeit, den Leistungsnachteil wettzumachen. Durch die hohen Anforderungen an Bewaffnung und Reichweite wäre nach diesem Konzept ein Flugzeug von der Größe eines leichten Bombers entstanden.

Die geforderten Leistungsmerkmale stellten folglich von Anfang an ein Absurdum dar. Einerseits sollte der Kraftstoffvorrat der Maschinen groß genug sein, um die Bomber auf ihrer ganzen Wegstrecke zu begleiten, andererseits sollten die Maschinen die Wendigkeit der 1-motorigen Maschinen besitzen. Da aber beides nicht möglich war, wurde die Maschine ein Kompromiß. Das Versuchsmuster zeigte zwar eine überragende Geschwindigkeit, die Wendigkeit war aber so ungenügend, dass der Messerschmitt Bf 110 im Einsatz selber Begleitschutz durch die “Bf 109” zur Seite gestellt werden mußte.

Das Ziel, den „Kampfzerstörer“ auch als Bomber einzusetzen, wurde deshalb zunächst nicht länger verfolgt. Die Rolle des Schnellbombers wurde schließlich der Junkers Ju 88 zugeschrieben. Die Bf 110 wurde wieder zum Mehrzweck-Kampfflugzeug, also zum Jäger, Jagdbomber und Aufklärer.

Die Messerschmitt Me 210 sollte die Schwächen der Bf 110 ausgleichen, einen internen Bombenschacht besitzen und mit Sturzflugbremsen ausgerüstet auch als Sturzkampfflugzeug eingesetzt werden. Die neue Maschine sollte klein und wendig sein, Ziele am Boden mit Bomben und feindliche Flugzeuge mit Bordwaffen bekämpfen können. Da die neue Maschine langsamer als feindliche Jäger werden würde, wurde eine weiter verstärkte Abwehrbewaffnung gefordert.

Messerschmitt Me 210Die Maschinen sollten die gleichen DB 601-Triebwerke erhalten, die bei der damaligen C-Version der Bf 110 Verwendung fanden. Sie hatten Hochleistungs-Flügelprofile für günstigere Geschwindigkeitsbereiche und eine an den Rumpfbug verlegten Führerkabine mit starker Verglasung

Der erste unbewaffnete Prototyp, die Me 210 V-1, absolvierte ihren Erstflug am 2. September 1939 noch mit Doppelleitwerk. Die Me 210 V-2 war bereits voll bewaffnet, was auch die zwei in den Rumpfseitenwänden ferngesteuert nach hinten schießende MG anbelangte. Zur Erlangung eines besseren Schussfeldes wurde auf das doppelte Seitenleitwerk verzichtet.

Göring stoppte 1942 die Produktion jedoch wegen starker Mängel. Es stellte sich heraus, dass das Modell zum Überziehen und Trudeln neigte, was eine Reihe schwerer Flugunfälle nach sich zog.

354 Maschinen waren bis zu diesem Zeitpunkt gebaut worden. Es zeigte sich jedoch, dass die gebauten Maschinen umgebaut werden konnten. Sie erhielten einen verlängerten Rumpf, Vorflügel und verstärkte Fahrwerke sowie eine zuverlässigere Abwehrbewaffnung. Beide Arten - neu und alt - wurden als Me 210 A-1 bezeichnet. Die Serienfertigung der Me 210 lief im April 1941 an. Bis zum Baustop im März 1942 wurden etwa 585 Maschinen gebaut, z.T. auch in Ungarn und aus Umbauten und alten Baugruppen. Andere Quellen gehen sogar von 700 aus (?).

Da sich der Motor aber recht bald als zu schwach herausstellte, wurde als Ersatz der Motor DB 603 A verwendet. Die neuen Maschinen wurden als Me 410 „Hornisse“ bezeichnet. Die ersten 460 Flugzeuge entstanden aus Me 210-Baugruppen und wurden ab Januar 1943 ausgeliefert. Im November 1943 wurde die Serienfertigung der Me 410 A-3, im Januar 1944 der Neubau der Me 410 A-1/U2 und im Februar 1944 der Neubau der A-1 aufgenommen.

Insgesamt wurden bis September 1944 etwa 1.190 “Hornissen” mit verschiedenen Waffenkonfigurationen hergestellt. Eingesetzt wurden sie unter anderem zur Bombardierung der englischen Südküste sowie zur Abwehr der alliierten Bomberverbände als auch als Aufklärer.

Da die von Messerschmitt entwickelten Nachfolgetypen Me 210 und Me 410 auf den Tageinsatz als Zerstörer und sturzkampffähiger Schnellbomber ausgelegt waren, eigneten sie sich nicht als Ersatz für die Bf 110 in der Rolle des Nachtjägers, so dass die Bf 110 bis Anfang 1945 in Produktion blieb.

Andere Versionen:

Bf 110 C-4/B

Jagdbomber für 500 kg Bombenlast, später umgerüstet und umbenannt in C-7

Bf 110 C-5

Aufklärer, DB 601 P

Bf 110 C-7

Umbennennung der C-4/B nach Umrüstung auf Motoren vom Typ DB 601 P, Bombenlast bis 1.000 kg

Bf 110 D-Serie

Zerstörer/Jagdbomber für extreme Reichweiten, basierend auf der C-Serie - sehr oft in Norwegen eingesetzt

Bf 110 E-Serie

basierend auf der C-Serie, fast nur Jagdbomber, Bombenlast bis zu 1.200 kg, DB 601 B,Ba und P

Bf 110 F-Serie

fast nur Jagdbomber analog zur E-Serie, bessere Panzerung und höhere Masse, erster richtiger Nachtjäger, DB 601 F

Bf 110 G-2

Zerstörer, Jagdbomber oder Schnellbomber, variable Waffenausstattung, bis zu 1.000 kg Bomben, DB 605 B

Messerschmitt Bf 110

Messerschmitt Bf 110 F-2 im Technik-Museum Berlin:

Die ausgestellte Messerschmitt Bf 110 F-2 mit der Werknummer 5052 war im Januar 1943 mit der Kennung LN+NR bei der 13. Zerstörergruppe des Jagdgeschwaders JG 5 in Finnland im Einsatz. Während eines Angriffs auf eine russische Eisenbahnlinie wurde die Maschine beschädigt. Pilot Helmut Ziegenhagen musste auf einem zugefrorenen See notlanden. Nach Abschmelzen des Eises versank das Flugzeug. 1991 wurde das Wrack geborgen und nach England gebracht. Das Deutsche Technikmuseum Berlin erwarb die Maschine 1997.

 

 

Copyright © Flugzeuglexikon von Wolfgang Bredow - Berlin, Spandau

 

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